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Wenn die Seele „Hilfe“ ruft….

#JUNOBlog

 

von Tanja Elisabeth

Es gibt ein Zitat, das besagt, dass Krisen auch Chancen sind. Ein Satz, der unglaublich schön und weise klingt. So lange, bis man selbst in einer handfesten Krise steckt und innerlich Karussell fährt und das Gefühl hat, es dreht sich immer schneller und schneller. Man will sich festhalten, um nicht rausgeschleudert zu werden und gleichzeitig hofft man, aus diesem Wirbel ausgespuckt zu werden, um zur Ruhe kommen zu können. Jeder Mensch, der schon mal eine Krise durchlebt hat, kennt das Gefühl, dass einem auf der Brust drückt; weiß, wie es ist, wenn man innerlich so einen Druck fühlt, dass man platzen könnte und gleichzeitig mahnt man sich zu Ruhe und Gelassenheit.

Ich bin in wenigen Wochen 42 Jahre alt und habe in diesen 42 Jahre bereits so viele Krisen durchleben müssen und habe sie irgendwie immer wieder geschafft. Ich weiß, dass ich in jeder dieser Krisen, diese bestimmten gleichen Phasen hatte. Diese Phase, in der man das Gefühl hat, diesmal überlebe ich es nicht, diesmal fehlt mir die Kraft dazu, diesmal weiß ich einfach nicht mehr weiter. Und wenn ich zurückschaue, so habe ich es doch immer irgendwie gemeistert. Irgendwann kam die nächste Phase. Die Phase, in der ich gemerkt habe, dass das Schlimmste überstanden ist, wie bei einem Patienten, der in Lebensgefahr steckt und man nur von Tag zu Tag leben kann und abwarten muss. Irgendwann ist dann ein kleiner Lichtblick da, eine Mini-Verbesserung und die Hoffnung beginnt aufzublühen. So ein Gefühl, wie beim Übergang von Winter zu Frühling, wenn man spürt „Oh, ich glaube, der Frühling naht. Wie schön!“ Diese Phase sehne ich herbei. Mein Kopf sagt mir mit einer väterlichen weisen Stimme „Kind, hab keine Angst, auch das geht vorbei. Hab Vertrauen. Du wirst es sehen“. Und irgendwie spürst du, dass es stimmt, willst es glauben, gleichzeitig aber tut es so weh, noch nicht dort zu sein. Diese Last in der Krise, dieses schwarze Gefühl, dass wie ein schwerer Mantel über dir liegt, dir die Luft zum Atmen nimmt, dir die Tränen in die Augen schießen lässt, meist in den unpassendsten Momenten, all das will man weg haben. Nicht mehr fühlen und einfach nur Ruhe spüren.

Ich war schon einmal in so einer tiefen Krise. Ich ging zum Neurologen mit der Hoffnung, er sagt mir, dass dieses Gefühl lediglich biologischen Ursprunges ist und meine Hormone einfach durcheinander sind und man das ganz einfach mit Medikamenten in den Griff bekommen könnte. Insgeheim wusste ich damals, dass dem nicht so ist. Ich wusste genau, was wirklich los war. Auch meine Psychologin bei der Familienberatungsstelle teilte mir das mit, was mein Neurologe auch sagte und ich vermutete, aber nicht wahrhaben wollte. „Sie stehen mit einem Bein im Burnout“, hieß es. Ich sollte sofort in den Krankenstand und jetzt ganz und gar auf mich schauen. Wäre ich keine Mama, hätte ich das sofort getan. Aber als Mama war das für mich wie ein Stempel mit der riesengroßen Aufschrift „Versager“. Ich weiß, dass ich diesen Stempel gar nicht verdiene, aber den hatte ich irgendwann mal von meinem narzisstisch angehauchten Ex-Mann erhalten, weil ich als frischgebackene Mama gar nichts hinbekommen hatte. Denn ich wollte perfekt sein. Je mehr ich versuchte perfekt zu sein, umso chaotischer wurde alles. Umso weniger habe ich geschafft. Mein kleines hilfloses Bündel Mensch in meinen Armen hat mir zu dieser Zeit einen Spiegel vorgehalten und wurde zum Schreibaby. Die Schreie nach Aufmerksamkeit/nach Hilfe, die ich für mich nicht rauslassen konnte, hat sie für mich stellvertretend von sich gegeben.

Als ich damals mit einem Bein im Burnout stand, hatte mein Neurologe Dinge gesagt, die ich meinen Lebtag niemals vergessen werde und die ich immer wieder vorsage, wenn ich das Gefühl habe, es wird schwerer. Er sagte damals: „Ich weiß ganz genau, dass Sie eine sehr starke Frau sind. Das sieht man. Deswegen sind Sie hierher zu mir gekommen. Sie sind einfach nur in einen schwarzen kalten Brunnen gefallen. Sie sehen das Licht da oben, aber Sie wissen gerade nicht, wie Sie da wieder rauskommen. Aber ich verspreche Ihnen, dass ich Sie dort raus hole. Das einzige, was Sie machen müssen, die Hand, die ich Ihnen entgegenstrecke, anzunehmen.“ Ich weiß heute noch ganz genau, wie ich mich in diesem Moment gefühlt habe. Ich hatte das Gefühl, ich bin nicht alleine. Da gibt es Hilfe. Es ist gibt Wege. Es gibt auch diesmal diesen Frühling nach einem strengen und langen Winter. Doch seine Hilfe wäre gewesen, dass ich in eine Burnout Klinik gehe. Und schon war meine Hoffnung verschwunden, denn zu diesem Zeitpunkt war meine Maus gerade mal 6 Jahre alt, die Kommunikation mit meinem Ex-Mann auf einem absoluten Tiefpunkt und durch das gemeinsame Sorgerecht und dem Wechselresidenzmodell hatte ich panische Angst davor, er könnte die Situation ausnutzen und mir das Sorgerecht wegnehmen, denn ich hätte in seinen Augen als Mutter versagt. So habe ich ihm die Situation geschildert und sagte damals „Nein Hr. Doktor, das ist unmöglich. Bitte verschreiben Sie mir irgendwas, dass mir hilft, mich besser zu fühlen. Ich verspreche, dass ich weiterhin zu meiner Psychologin gehen werde und ich verspreche Ihnen und meiner Maus, keinen Blödsinn zu machen. Sonst wäre ich ja nicht hierher gekommen.“ Und genau so war es auch. Er verschrieb mir Antidepressiva, die zum Glück sehr schnell wirkten und ich ging regelmäßig zur Psychologin und auch zu ihm, denn das war eine Zusatzbedingung. Nach 2-3 Monaten war ich wieder glücklich, aber ich begann auch einen enormen Appetit zu entwickeln und nahm zu. Deswegen hatte ich angefangen eigenmächtig die Tabletten abzusetzen, denn ich wollte nicht glücklich, aber fett sein. ;-)

7 Jahre später…. Ich habe mich enorm weiterentwickelt.  Habe dazwischen natürlich weitere Krisen gehabt. Einmal habe ich sogar ein Selfie von mir gemacht, als es mir wieder mal wegen einem Mann richtig schlecht ging, um mir selbst zu zeigen, dass diese Tanja nicht wieder so sein darf, wenn ich da rauskomme. Wie eine Art Mahnmal für mich selbst. Ich habe seither viel Persönlichkeitsentwicklung betrieben. Aber ich weiß, da gibt es etwas, das nach wie vor hartnäckig ist und mich festhält.

Ich bin seit Anfang des Jahres komplett alleinerziehende Mama, da ich nun endlich das alleinige Sorgerecht habe, was mich enorm glücklich macht. Wir sind vor einigen Monaten von einer 2-Zimmer Wohnung in eine 3-Zimmer Wohnung übersiedelt in der Hoffnung, dass nun unsere goldene Ära beginnt. Leider entpuppte sich das als große Täuschung. Die baulichen Gegebenheiten sind schrecklich, man hört alles von den Nachbarn. Dieses permanente Bumpern durch Kinder oder Nachbarn zehrt an meinen Nerven. Gespräche, die ins Leere laufen, weil manche Eltern der Meinung sind, dass ihre Kinder alles machen dürfen, wenn sie die volle Miete bezahlen. Und so weiter. . . Ich bin auf der Suche nach einer neuen Wohnung, denn auch die Genossenschaft fühlt sich minder zuständig. Aber ich glaube, ich brauche niemandem hier sagen, wie mühsam es sein kann, eine passende Wohnung zu finden. Vor allem, wenn man alleine ist.

Zeitgleich habe ich mich bei meiner Psychologin gemeldet, um eine Strategie zu entwickeln, wie ich gelassener auf solche Geräusche reagieren kann. Aber das ist einfacher gesagt als getan, vor allem auch, wenn dieser Lärm auch Auswirkungen auf das Lernverhalten deines Kindes hat.

Dann ist meine Situation im Job äußerst unbefriedigend derzeit.

Und dann kommt das Sahnehäubchen: Ich habe mich nach langem Weigern endlich dazu entschlossen, mich bei einer dieser Dating-Apps anzumelden, da mir einfach mein I-Tüpfelchen fehlt. Nach so vielen Jahren als Single war die Sehnsucht so groß und das „Scheiß drauf, was habe ich zu verlieren“-Gefühl stärker. Fast 2 Monate lang hatte ich das „Wow, das funktioniert ja wirklich. Ich bin so glücklich“-Gefühl erleben dürfen. Endlich ein vernünftiger, normaler Mann, bei dem ich auch das Gefühl habe, ihn so sein lassen zu können, wie er ist und dass es auch umgekehrt der Fall war. Ein Treffen gemeinsam mit unseren Kindern war wunderbar. Und gerade als ich dachte, angekommen sein zu können, der nächste Schlag. „Es hat einfach nicht Klick gemacht“ via WhatsApp. Aber bis einen Tag davor war alles noch komplett anders. Gespräch hat es natürlich nicht gegeben. Wenn jemand aus heiterem Himmel und ohne Vorwarnung via WhatsApp Schluss macht, dann kann man davon ausgehen, dass hier ein sehr feiger Mensch am Werke war. Weshalb auch immer, ich werde es wohl nie erfahren und es ist im Grunde nicht meine Geschichte sondern sein Rucksack.

Mehr als ich dachte, hatte mich dieser Moment aus der Bahn geworfen. Seither versuche ich mich wieder auf die Beine zu bringen. Ich verstehe nicht, wieso mich das so aus der Bahn werfen konnte, verstehe nicht, warum mich das so sehr trifft, dass ich an manchen Tagen wieder diese Gefühle spüre, die ich damals hatte, wo ich gespürt habe, dass mir alles zu viel wird. Ich glaube auch, dass das nur wieder der letzte Tropfen war. Denn das eigentliche Problem liegt woanders. . . .  Ich frage mich, ob ich damals das Burnout verschleppt habe und es in mir latent vorhanden war, darauf wartend, irgendwann wieder zu kommen. Und doch ist mein innerer Widerstand wieder der gleiche wie damals.  Nein, das geht jetzt nicht, nein, du kannst doch dein Kind nicht alleine lassen, usw. usw. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass ich nur mehr einen kleinen Schritt vor mir habe, gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass mein Leben gerade enorm im Umbruch zu sein scheint und habe das Gefühl, dass da was Gutes rauskommen wird.

Wie? Ich habe keine Ahnung, sehe auch keinen richtigen Weg zwischen den Tränen, die mich immer wieder übermannen, aber ich weiß mittlerweile, dass es guttut, sich Hilfe zu nehmen. Ja, ich weiß, dass ich Hilfe brauche, woher und welche, weiß ich noch nicht. Ich suche und meine Psychologin wird mir sicher auch wieder helfen. Bis dahin gehe ich den Weg in kleinen Schritten. Aber ich gehe ihn.

Treffend, dass ich während ich diesen Text schreibe, ein Zitat von Veit Lindau lese, was passender nicht sein könnte. Zitat Veit Lindau „Die wirksamste und freudvollste Art, deine Entwicklung anzuregen, ist jeden Tag zu feiern, wie weit du schon gekommen bist.“ Ich denke, dem ist nichts hinzuzufügen, außer meinen Appell an dich, die/der du das liest und ähnlich fühlst: du darfst stark sein und trotzdem um Hilfe bitten. Es gibt viele Menschen, die es sehr glücklich macht, dir zu helfen. Ob es Freunde, Verwandte oder Profis sind. Lass dir helfen, so wie ich es tun werde. Dann wird alles wieder gut. Fühl dich gedrückt. . . Und wenn du möchtest, kannst du mir gerne ein Feedback an tanja.elisabeth@gmx.at senden.

 

 

Update: ich war heute bei meiner Psychologin und wir haben einen sehr wichtigen Triggerpunkt aus meiner tiefsten Kindheit gefunden, an dem wir ansetzen können. Und ich habe eine Körperübung gelernt, mit der man für die Situation Stress aus dem Körper bringt, damit die innerliche Unruhe weg ist bzw. leichter wird. Ihr seht also, es zahlt sich aus!

 

gefördert aus den Mitteln des Sozialministeriums